Neues Leben am Fluss

Neues Leben am Fluss

Ein Biotop aus Menschenhand

Der Landkreis Leer als zuständige Genehmigungsbehörde hat den Bau des Tidepolders Coldemüntje genehmigt. Der entsprechende Planfeststellungsbeschluss trägt das Datum 13. August 2021. Der Beschluss ist rechtskräftig. Der Tidepolder Coldemüntje ist das erste Projekt zur Schaffung tidebeeinflusster Lebensräume an der Ems, wie sie im Masterplan Ems 2050 vereinbart wurde.

 

Von besonderem Interesse war während der gesamten Planungsphase der Verbleib des Aushubs aus der Polderbaustelle. Der Genehmigung entsprechend wird das Vorhaben wie folgt ablaufen:

 

Von den 340.000 Kubikmetern Aushub:

 

- bleiben rund 171.000 Kubikmeter im Plangebiet selbst. Daraus werden ein erhöht verlaufender Rundweg mit drei Aussichtspunkten entstehen. Der Polder wird hierüber für Naturliebhaber erschlossen. Es wird ein Parkplatz für Autos und Fahrräder eingerichtet.

 

- werden rund 80.000 Kubikmeter für die Erhöhung der Deichberme an der Ems zwischen Tidepolder und Völlen verwendet. Das ist eine Strecke von rund sechs Kilometern. Die Baumaßnahme wird zeitgleich mit dem Bau des Polders erfolgen.

 

- werden rund 89.000 Kubikmeter auf landwirtschaftlichen Flächen direkt am Polder aufgetragen, die anschließend wieder von den Landwirten als Grünland genutzt werden. Rund 38 Hektar Fläche werden so um durchschnittlich 25 Zentimeter aufgehöht. Vorläufige Einverständniserklärungen der Flächeneigentümer liegen vor. Konkrete Verträge werden aktuell abgestimmt und geschlossen.

 

Mit diesem Konzept wird der Transport von Aushub auf den Straßen durch die Deichdörfer auf ein absolutes Mindestmaß reduziert. Das war die Hauptvoraussetzung, um die Zustimmung der Gemeinde Westoverledingen erhalten zu können.

 

Ein Schwerpunkt der ökologischen Maßnahmen im Masterplan Ems 2050 ist, verlorengegangene natürliche Lebensräume am Fluss wiederherzustellen. Die Besonderheit dieser Biotope ist, dass sie von Ebbe und Flut beeinflusst werden, also zeitweise trockenfallen und dann wieder überflutet werden. Dort entwickeln sich Flachwasserzonen, Brack- und Süßwasserröhrichte, Sand- und Schlickwatten sowie Tideauwald.

 

Ein solches Biotop soll im Bereich des ehemaligen Emsbogens bei Coldemüntje in der Gemeinde Westoverledingen verwirklicht werden. Bei dem Gebiet, das hinter dem Emsdeich liegt, handelt es sich um die Überreste einer ehemaligen Emsschleife, die bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgeschnitten wurde. Der damals entstandene Grotegaster Altarm verlandete, wurde mit Baggergut aus der Fahrwasserunterhaltung aufgefüllt und zu einem späteren Zeitpunkt durch den Bau der neuen Hauptdeichlinie vollständig von der Ems getrennt. Heute finden sich hier ein verlandender See und wenig artenreiche Biotope.

Aktuelles:

Das Baufeld des künftigen Tidepolders Coldemüntje ist für die im Frühling beginnenden Erdarbeiten vorbereitet. Dann wird mit der Gestaltung des Prielsystems begonnen, das über ein verschließbares Bauwerk im Deich mit der Tide verbunden wird. In Coldemüntje entsteht bis 2023 mit dieser wasserbautechnischen Lösung der erste Tidepolder des Masterplans Ems 2050. Diese Polder sollen Tieren und Pflanzen, die auf den Wechsel von Ebbe und Flut, Süßwasserwatten und Flachwasserzonen angewiesen sind, neue Lebensräume bieten und somit der bedrohten Artenvielfalt dienen. Im Zuge der Vertiefung, Begradigung und Eindeichung sind an der Ems viele solcher Lebensräume verschwunden. Die Wiederherstellung solcher Flussauen auf 500 Hektar an der Ems bis zum Jahr 2050 ist eines der Ziele, auf das sich die Vertragspartner des Masterplans Ems verpflichtet haben.

 

Im Baufeld befinden sich viele Spuren des einstigen Emsverlaufes. Die Grenzen des Polders bilden den Verlauf einer ehemaligen Emsschleife ab, die Anfang des vorigen Jahrhunderts zugunsten der Schiffbarkeit durchstochen und abgehängt wurde. Restliche Teile davon finden sich noch als Altarm im Polder. Und: „Wir haben im Südwesten des Baufeldes einen Süßwasserteich angelegt“, berichtet Heinrich Pegel von der Naturschutzstation Ems des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Beim Ausheben des etwa 2,10 Meter tiefen und rund einen Hektar großen Teiches sind wir auf Klei gestoßen, der vermutlich aus dem ehemaligen Emslauf stammt, und auf Sand, der zum Verfüllen des alten Flussbettes verwendet wurde“. Der Teich soll künftig Amphibien und anderen Süßwasserorganismen als Lebensraum dienen, als Ausgleich für andere kleine Süßwassergewässer im Projektgebiet, die beim Bau des Prielsystems verloren gehen. Die künftigen Priele werden von Fischen besiedelt, die Fressfeinde der Amphibien sind.

 

Die Fische, die im Altarm und Tümpeln im Baufeld lebten, wurden bereits im September abgefischt und im Coldemüntjer Schöpfwerkstief ausgesetzt, denn mit dem Bau des Prielsystems wird auch der Altarm neu gestaltet. Als einer der letzten Maßnahmen der Bauvorbereitung wurde Ende voriger Woche Röhricht an den Ufern des neuen Teiches gepflanzt, das von den Ufern des Altarmes stammt. Der Aushub aus dem Teich dient in dessen Nähe als Grundlage für den erhöht verlaufenden künftigen Rundweg.

 

Das Baufeld, auf dem die Priele angelegt werden, wurde seit Dezember geräumt. Bäume und Büsche wurden mitsamt Wurzeln entfernt und als Stammholz abtransportiert oder geschreddert. Ein Wäldchen im Süden, am Schöpfwerkstief, bleibt hingegen erhalten. Zudem wurden Röhrichtflächen

 

gemulcht. Im Februar kam dazu wegen des nassen und kaum tragfähigen Bodens eine Raupe der Staatlichen Moorverwaltung zum Einsatz, die wie eine Pistenraupe konzipiert ist und wenig Bodendruck ausübt. „Normale Fahrzeuge wären versackt“, erläutert Bauleiter Mike Stöter vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz. Der NLWKN hat den Polder geplant und leitet und organisiert auch dessen Bau.

 

Auf dem Baufeld selbst wehen derzeit Flatterband-Flaggen an 2000 Bambusstangen. Die Flaggen stellen kein Kunstwerk dar, wie Spaziergänger vermuteten. Sie sollen Bodenbrüter wie Kiebitz und Co. davon abhalten, auf der für sie einladenden Fläche ohne Bäume und Büsche Nester anzulegen, die vom Erdbau gefährdet würden. Im Masterplan Ems ist festgelegt, das zum Ausgleich bis 2050 insgesamt 200 Hektar Fläche für Wiesenbrüter reserviert und optimiert werden. In diesem Frühjahr hat dafür in Bedekaspel am Großen Meer (Landkreis Aurich) bereits ein Projekt begonnen. Heinrich Pegel hat dort ein regelbares Grabensystem anlegen lassen, mit dem 44 Hektar vernässt werden können und so ideale Bedingungen für Wiesenbrüter geschaffen. Weitere Wiesenvogelgebiete des Masterplans Ems befinden sich in den Leher Wiesen, sowie in Rhede (Flaarund Brual) im Emsland. Das Etappenziel des Masterplan-Vertrags, bis 2025 für Wiesenvögel 78 Hektar von insgesamt 200 ha bis 2050 zu beschaffen, wurde inzwischen übererfüllt: bislang konnten schon 89 Hektar erworben werden.