Neues Leben am Fluss

Neues Leben am Fluss

Ein Biotop aus Menschenhand

Seit Mai 2022 laufen die Erdarbeiten für den ersten Tidepolder des Masterplans Ems in Coldemüntje (Gemeinde Westoverledingen/Landkreis Leer). Fertig werden soll der tidebeeinflusste Lebensraum im Jahr 2023 (aktueller Stand der Bauarbeiten rechts). „Der Polder steht exemplarisch für das, was die Vertragspartner im Masterplan Ems 2050 als eines von mehreren Zielen vereinbart haben: Die Wiederherstellung von Lebensräumen, wie sie einst die Flussauen der Ems prägten“, sagte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies beim symbolischen ersten Spatenstich Ende Mai.  Insgesamt sollen bis 2050 auf 500 Hektar solche tidenbeeinflussten Lebensräume entstehen. U.a. mit dieser Selbstverpflichtung wurde 2015 ein drohendes Vertragsverletzungsverfahren der EU wegen Verletzung von Umweltrichtlinien an der Ems verhindert. Mit Tidepoldern machen die Planer vielen Arten, die vom Lebensraumverlust an der Ems betroffen sind, ein Angebot, sich hier wieder anzusiedeln und zu vermehren.  Die Besonderheit dieser Biotope ist, dass sie von Ebbe und Flut beeinflusst werden, also zeitweise trockenfallen und dann wieder überflutet werden. Dort entwickeln sich Flachwasserzonen, Brack- und Süßwasserröhrichte, Sand- und Schlickwatten sowie Tideauwald.

Ein solches Biotop wird jetzt im Bereich des ehemaligen Emsbogens bei Coldemüntje in der Gemeinde Westoverledingen verwirklicht. Bei dem Gebiet, das hinter dem Emsdeich liegt, handelt es sich um die Überreste einer ehemaligen Emsschleife, die bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgeschnitten wurde. Der damals entstandene Grotegaster Altarm verlandete, wurde mit Baggergut aus der Fahrwasserunterhaltung aufgefüllt und zu einem späteren Zeitpunkt durch den Bau der neuen Hauptdeichlinie vollständig von der Ems getrennt. 

Der Landkreis Leer als zuständige Genehmigungsbehörde hatte den Bau des Tidepolders Coldemüntje genehmigt. Der entsprechende Planfeststellungsbeschluss trägt das Datum 13. August 2021. Von besonderem Interesse war während der gesamten Planungsphase der Verbleib des Aushubs aus der Polderbaustelle. Der Genehmigung entsprechend wird das Vorhaben wie folgt ablaufen:

Von den 340.000 Kubikmetern Aushub:

- bleiben rund 171.000 Kubikmeter im Plangebiet selbst. Daraus werden ein erhöht verlaufender Rundweg mit drei Aussichtspunkten entstehen. Der Polder wird hierüber für Naturliebhaber erschlossen. Es wird ein Parkplatz für Autos und Fahrräder eingerichtet.

- werden rund 80.000 Kubikmeter für die Erhöhung der Deichberme an der Ems zwischen Tidepolder und Völlen verwendet. Das ist eine Strecke von rund sechs Kilometern. Die Baumaßnahme wird zeitgleich mit dem Bau des Polders erfolgen.

- werden rund 89.000 Kubikmeter auf landwirtschaftlichen Flächen direkt am Polder aufgetragen, die anschließend wieder von den Landwirten als Grünland genutzt werden. Rund 38 Hektar Fläche werden so um durchschnittlich 25 Zentimeter aufgehöht. Vorläufige Einverständniserklärungen der Flächeneigentümer liegen vor. Konkrete Verträge werden aktuell abgestimmt und geschlossen.

Mit diesem Konzept wird der Transport von Aushub auf den Straßen durch die Deichdörfer auf ein absolutes Mindestmaß reduziert. Das war die Hauptvoraussetzung, um die Zustimmung der Gemeinde Westoverledingen erhalten zu können.

Bei dem Gebiet, das hinter dem Emsdeich liegt, handelt es sich um die Überreste einer ehemaligen Emsschleife, die bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgeschnitten wurde. Der damals entstandene Grotegaster Altarm verlandete, wurde mit Baggergut aus der Fahrwasserunterhaltung aufgefüllt und zu einem späteren Zeitpunkt durch den Bau der neuen Hauptdeichlinie vollständig von der Ems getrennt. 

Bautagebuch (14.Juli 2022):

Was bis jetzt passiert ist

Wälle aus Klei und Sand, ein Wasserlauf mit flachem Ufer und ein Süßwasserteich, an dessen Rand schon reichlich Pflanzen sprießen: Im geplanten Tidepolder Coldemüntje sind rund zwei Monate nach dem Baustart die ersten Konturen des Vorhabens zu erkennen. „Das Einlassbauwerk im Deich wird zwar erst 2023 gebaut, und erst danach wird das Gebiet von den Gezeiten erreicht, aber im Polderareal werden ab jetzt der Verlauf des Priels und die weiteren Strukturen hergestellt“, berichtet Heinrich Pegel von der Naturschutzstation Ems, der die Baustelle naturschutzfachlich betreut.

Im Tidepolder werden die Lebensräume mit dem Bagger geschaffen, die auf der anderen Seite des Deichs, an der Ems, durch die menschliche Überformung Mangelware sind. So ist an dem kleinen Stück des künftigen Priels, das bereits ausgebaggert wurde, ein sanft abfallendes Ufer zu erkennen. An der Ems herrschen heute am Übergang zwischen Wasser und Land Steinschüttungen vor. An diesem sandigen Ufer sprießt schon wieder das erste Schilf, das künftig in weiten Feldern Vögeln und anderen Tieren Unterschlupf und Brutmöglichkeiten bieten wird.

An der Binnenseite des Ems-Radweges, der zwischen Deich und Polder verläuft, sind im Süden des Gebiets bereits die ersten Aufschüttungen des Dammes zu erkennen, der den Polder umschließen und einen Rundweg tragen wird. Er hat einen Sandkern und wird mit Mutterboden bedeckt. An der Südwestecke wirkt der Damm schon fertig. Er wird zur Abschirmung des Gebiets zum nagegelegenen Wohnhaus noch mit heimischen Gehölzen bepflanzt.

Mehrere aufgeschüttete Mieten künden davon, dass im Gebiet unterschiedlicher Aushub anfällt und verschiedenen Zwecken dienen wird. Im Norden liegt eine Miete mit deichbaufähigem Klei, der über die nahe Deichüberfahrt zur Bermenerhöhung am emsseitigen Deich verbracht wird, im Süden, nahe der Bauleitung, liegen Mieten mit Klei, der zur Verbringung auf landwirtschaftliche Flächen vorgesehen ist. Sobald eine gewisse Menge dort liegt und abgetrocknet ist, wird er vor weiterer Nutzung noch bodenkundlich untersucht.

Im Nordosten des Geländes nahe der Kreisstraße liegt und der Altarm mit dem Schilfmeer an seinen Ufern.  Er wird vertieft, Teil des Priels und so ans Tidegeschehen angeschlossen – und dann nicht mehr, wie in der Vergangenheit häufig geschehen, komplett trockenfallen.