Wirksames Werkzeug
gegen die Trübung

Die Flexible Tidesteuerung mit dem Emssperrwerk ist ein wirksames Werkzeug gegen den Schlick in der Ems. Und das Sperrwerk ist dem dann täglichen Einsatz technisch und statisch gewachsen. Das haben die Ergebnisse des Testlaufs im Sommer 2020 auch nach intensiver und akribischer Überprüfung durch Experten bewiesen. Nach einer Entscheidung des Lenkungskreises (siehe Kasten rechts) für die Variante Tideniedrigwasseranhebung wird  im zweiten Quartal 2026 ndas Planfeststellungsverfahren zur rechtlichen Zulassung der Tidesteuerung beginnen. Die Variante Flutstromsteuerung wird  im Verfahren im Rahmen der Alternativenprüfung weitergeführt.

Beim NLWKN in Aurich werden derzeit die Antragsunterlagen für das Projekt vorbereitet. Mit dem Beginn des Verfahrens rückt die Verwirklichung eines der Hauptziele des Masterplans Ems 2050 näher: Die Lösung des Schlickproblems in der Ems und die Verbesserung der Wasserqualität.

Mit den Toren des Sperrwerks soll über eine Schließung in klar bestimmten Zeiten des Tidenverlaufs etwas wieder „eingerenkt“ werden, was durch Vertiefungen und Begradigungen des Flusses aus dem Gleichgewicht geraten ist: Das Verhältnis von Ebbe und Flut. Die Flut nämlich schießt mit großer Wucht in den begradigten und vertieften Fluss und drückt mit großen Wassermengen auch erhebliche Mengen an Schlick in das System. Die vergleichsweise schwache Ebbe bekommt diese Schlickmengen nicht mehr aus dem Fluss heraus.

Das führt zu einem großen Problem für das Leben im Fluss: Besonders im flussauf gelegenen Tidebereich der Ems führt das zum Phänomen Flüssigschlick: Wenige Meter unter der Oberfläche befindet sich so viel Sediment im Fluss, dass sich eine dickflüssige Masse bildet. Die organischen Anteile werden von Bakterien zersetzt, dabei wird der Sauerstoff im Wasser teilweise vollständig verbraucht – die Umgebung wird lebensfeindlich. Im oberen Teil der Wassersäule fehlt zudem sauerstoffbildenden Algen das Licht, um Photosynthese zu betreiben. Zudem schlicken Muhden, Nebenarme und Flachwasserzonen zu. Dieses Problem tritt vor allem im Sommerhalbjahr auf, wenn die Ems nur wenig Wasser aus dem Binnenland flussabwärts führt. Im Winter, wenn es hohe Niederschlagsmengen gibt, kann die Ems sich selbst teilweise vom Flüssigschlick befreien. Das spricht für die Stärkung des Ebbstroms auch im Sommer.

Um die Ems wieder zu einem lebendigen Fluss zu machen, soll nun die Tidesteuerung eingesetzt werden, und zwar die Variante Tideniedrigwasseranhebung. Die Tore werdend dazu während des ablaufenden Wassers von den NLWKN-Kollegen auf dem Sperrwerk komplett geschlossen, und das rund zwei Stunden vor Niedrigwasser. Der Niedrigwasserpegel fällt dadurch oberhalb des Emssperrwerks nicht „normal“ ab, sondern bleibt rund einen bis eineinhalb Meter höher stehen. Stromab vom Sperrwerk läuft das Wasser im normalen Tideverlauf weiter ab und steigt in der danach einsetzenden Flut wieder an. Bei gleichem Wasserstand auf beiden Seiten des Sperrwerks werden die Tore wieder geöffnet. 

Während der Schließzeit geht die Strömungsintensität zwischen Sperrwerk und Tidewehr Herbrum stark zurück. Die im Wasser gelösten Feinsedimente setzen sich ab. Sehr schnell wird dadurch die Trübung in der oberen Wassersäule reduziert, was beim technischen Test 2020 deutlich erkennbar war. Sobald der Schlickanteil deutlich fällt, steigt der Sauerstoffgehalt ebenso deutlich. In der für die Ems typischen, aber nicht gewollten Flüssigschlickschicht sinken die Schwebstoffe zu Boden und nehmen nicht mehr am Transportgeschehen teil. Wenn die Tore nach dieser rund zweieinhalbstündigen Ruhephase wieder geöffnet werden, entwickelt sich der Flutstrom in geringerem Umfang, weil ein Teil des sonst bei Flut einströmenden Wasservolumens sich bereits in der Unterems befindet. Das Ergebnis: Der Schwebstoffgehalt sinkt deutlich, der Sauerstoffgehalt steigt deutlich, Salzgehalte gehen zurück. Die Schwebstoffe sinken zu Boden oder werden zu einem geringen Teil auch stromab transportiert und aus dem System geräumt. Die Tideniedrigwasseranhebung soll daher später einmal direkt nach dem Winter starten, wenn das System durch die hohen Wassermengen aus dem Binnenland während der kalten Jahreszeit wenig Flüssigschlick enthält, und so die Unterems über den Sommer in diesem Zustand erhalten. Die Unterhaltungsbaggerungen können effektiver erfolgen, weil die Sedimente am Boden kompakter sind. Langfristig nehmen Baggerdauer und Baggermenge ab. 

Die Ergebnisse des Technischen Tests flossen in die Datengrundlage von Modellierungen ein, die die Forschungsstelle Küste des NLWKN durchführte. Die Berechnungen kamen zu dem Ergebnis, dass die Flüssigschlickschicht in der Ems nach drei Jahren komplett verschwunden sein könne – sofern 70 Prozent der Tiden gesteuert werden. Im Antrag auf Genehmigung ist die Rede von „100 Prozent – x“ aller Tiden. Die tatsächliche Frequenz wird sich nach mehreren Faktoren richten, u.a. auch nach den Bedarfen der Schifffahrt, der Sportschifffahrt und der Entwässerung. Begonnen werden soll mit einem Steuerungsmodus, der die Steuerung aller Tiden an den Wochenenden, jeder zweiten Tide während der Woche und möglichst aller Tiden um Springtide herum vorsieht.  Im Winter, wenn die Wasserqualität gut und der Oberwasserabfluss hoch ist, muss nicht gesteuert werden.        

Die Bundeswasserstraßenverwaltung prüfte in einem weiteren Gutachten, ob die Tidesteuerung mit der Schifffahrt auf der Ems verträglich ist. Im Dialog mit den Schifffahrtstreibenden und den Verantwortlichen für die Häfen sowie beider Kunden kamen die Gutachter zu dem Ergebnis, dass die Tideniedrigwasseranhebung keine entscheidenden Einschränkungen bedingt.

Auf diesen Grundlagen entschied der Lenkungskreis des Masterplans Ems 2050 im November 2023, die Tideniedrigwasseranhebung weiter zu verfolgen und forderte den NLWKN auf, das Genehmigungsverfahren durchzuführen.

Flankiert wurde die Vorbereitung des Planfeststellungsverfahrens von den Bemühungen um die Lösung eines Problems, das ebenfalls während des Technischen Tests der Tidesteuerung im Sommer 2020 erkannt wurde. Bei der Tideniedrigwasseranhebung entsteht durch das Schließen der Tore eine Sunkwelle, die ein sehr schnelles Sinken des Wasserstands im Emder Hafen bewirkt. Das beeinträchtigt die Autoverladung. Um dies auszugleichen wurden die Planungen des bereits genehmigten Großschiffliegeplatzes im Emder Außenhafen angepasst. Mit dem Bau wird im Sommerim Sommer dieses Jahres begonnen Das Land hat dafür 70 Millionen Euro im Haushalt 2025 zur Verfügung gestellt. Erst nach Fertigstellung kann mit der Tidesteuerung begonnen werden, zunächst nicht in vollem, aber ausreichenden Umfang. Denn inzwischen hat sich gezeigt, dass der Bau des Großschiffsliegeplatzes allein nicht ausreicht, um alle Umschlagsbedarfe zu bedienen. Zusätzlich sei der Emskai und zu ertüchtigen. Vorbehaltlich der Zurverfügungstellung der Haushaltsmittel soll der Umbau 2027 starten.

 

 

Einstimmig beschlossen

Die Vertragspartner des Masterplans Ems 2050 haben am 17. November 2023 einstimmig beschlossen: Das Land Niedersachsen soll das Planfeststellungsverfahren für die Tidesteuerung mit dem Emssperrwerk auf den Weg bringen. In einer Sitzung des Lenkungskreises, dem höchsten Gremium des Masterplan Ems, votierten die Partner einhellig dafür, mit der Variante „Tideniedrigwasseranhebung“ ins Verfahren zu gehen. Auf dieser Grundlage soll das Genehmigungsverfahren für die Tidesteuerung 2025 starten. Dem Lenkungskreis gehören Spitzenvertreter des Landes Niedersachsen, der Bundeswasserstraßenverwaltung, der Umweltverbände BUND, NABU und WWF, der Landkreise Emsland und Leer und der Stadt Emden sowie der Papenburger Meyer Werft an.

Die Sitzung im Niedersächsischen Umweltministerium wurde geleitet von Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer, dessen Ministerium den Masterplan Ems federführend verantwortet; auch Wirtschaftsminister Olaf Lies nahm an der Sitzung teil. „Ich freue mich, dass wir jetzt zu einer einvernehmlichen Lösung gekommen sind“, so Umweltminister Meyer, „Mit der Tidesteuerung können wir die Gewässerqualität der Ems deutlich verbessern. Sie sorgt für weniger Schlick, erhöht den Sauerstoffgehalt deutlich und senkt den Salzgehalt. Für die Ökologie ist das ein großer Schritt und Erfolg. Für den Emder Hafen haben wir als Land mit dem neuen Großschiffliegeplatz eine Lösung gefunden. Ich danke alle Beteiligten für diesen gemeinsamen Weg zur Verbesserung der Umweltsituation an der Ems und ich bedanke mich insbesondere bei den Umweltverbänden, die sehr konstruktiv an der jetzt vorliegenden Marschroute mitgearbeitet haben.“

Der auch für die niedersächsischen Häfen zuständige damalige Wirtschaftsminister Olaf Lies betonte: „Der Weg zur heutigen Entscheidung für die Tideniedrigwasseranhebung war lang und zuweilen schwierig, aber er lohnt sich. Möglich wurde diese nur, weil alle Akteure und Masterplanpartner immer wieder das gemeinsame Gespräch gesucht, über Lösungen diskutiert und gerungen und sich letztendlich aufeinander zubewegt haben. Als lohnendes Ergebnis erhalten wir nun einen gangbaren Weg, der nicht nur zur Verbesserung des Gesamtzustandes der Ems beitragen wird, sondern auch den dort bestehenden wirtschaftlichen Interessen von Schifffahrt, Hafen und Werft Rechnung trägt. Mein Dank geht an alle Beteiligten für ihr Engagement, ihre Geduld und Gesprächsbereitschaft. Wie beim niedersächsischen Weg zeigen wir einmal mehr, dass es gelingen kann im Dialog die Interessen von Ökologie und Ökonomie zu einem guten Ausgleich zu bringen. Das macht nun den Weg frei für die notwendigen Lösungen für die Meyer Werft genauso wie für den Emder Hafen.“

Dem Beschluss vorausgegangen waren intensive Diskussionen der Vertragspartner im Laufe dieses Jahres über die Variantenwahl. Zur Debatte stand auch eine zweite Variante, die Flutstromsteuerung. Gutachten der Forschungsstelle Küste des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) über die Langzeitwirkung der Varianten auf die Wasserqualität der Ems hatten bestätigt, was der Test der Tidesteuerung im Sommer 2020 im Naturversuch bereits gezeigt hatte: Beide Techniken sind geeignet, die problematische Schlickbelastung des Flusses deutlich zu reduzieren, damit den Sauerstoffgehalt deutlich anzuheben sowie die Salzgehalte zu senken. Mit beiden Techniken ist es daher möglich, das Hauptziel des Masterplan-Vertrags nachhaltig zu erfüllen: die Ems in einen Zustand zu versetzen, der aquatisches Leben im Fluss und Artenvielfalt im Tidebereich wieder dauerhaft möglich macht.

Um den Vertragspartnern im Masterplan-Kontext eine fundierte Entscheidung über eine Vorzugsvariante zu ermöglichen, beleuchteten Gutachten die Auswirkungen der Variantenwahl auf die weiteren Ziele des Masterplans Ems: Erhalt der Leistungsfähigkeit der Bundeswasserstraße und Sicherung der wirtschaftlichen Entwicklung der Region. Ein Gutachten im Auftrag des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Ems-Nordsee war in diesem Zusammenhang nach der Analyse der Verkehrsströme und dem Abgleich mit den zu erwartenden Sperrzeiten zu dem Ergebnis gekommen, dass die Auswirkungen der Flutstromsteuerung auf den Schiffsverkehr deutlich negativer sind als jene der Tideniedrigwasseranhebung – und auch für die Schifffahrt kaum auszugleichen.

Der Test 2020 hatte mit Blick auf den Wirtschaftsaspekt allerdings auch aufgezeigt, dass die Tideniedrigwasseranhebung sich negativ auf die Autoverladung im Emder Hafen auswirkt, weil dort nach dem Schließen des Sperrwerks der Wasserstand schnell und deutlich sinkt. Hierfür gibt es aber Lösungen. Das Land Niedersachsen stellt vorbehaltlich des noch ausstehenden Haushaltsbeschlusses im Landtag 70 Millionen Euro zur Verfügung, um einen Großschiffsliegeplatz im Emder Hafen zu bauen. Die Umweltverbände BUND, NABU und WWF merkten an, dass sie die Flutstromsteuerung nach wie vor für die ökologisch bessere Variante halten. Die Flutstromsteuerung bildet aus ihrer Sicht die Tidedynamik näher ab und erlaube ein freieres ästuartypisches Ein- und Ausschwingen der Tide.

Das Niedersächsische Umweltministerium stellte dazu klar, dass die Auswirkungen der Tideniedrigwasseranhebung auf die Planungen von Naturschutzprojekten des Masterplans Ems geprüft und diese ggf. angepasst werden müssen, um alle Lebensraumtypen in ausreichendem Umfang und Vernetzung zu entwickeln – so wie es mit der EU-Kommission vereinbart sei. Dazu müssten ggf. weitere Maßnahmen ergriffen werden, möglicherweise auch Maßnahmen zur Gewässerstruktur, um Voraussetzungen für das Emsästuar als Reproduktionsgebiet für Fische zu schaffen. „Für Umwelt, Wirtschaft und die Menschen an der Ems ist der heutige Beschluss ein guter Tag“, so Meyer und Lies.