Tidesteuerung: So wird sie funktionieren

Erklärvideo zur geplanten Tideniedrigwasseranhebung

Das Emssperrwerk soll nach der jetzt beantragten Genehmigung der flexiblen Tidesteuerung gegen den Schlick in der Ems eingesetzt werden und die Wasserqualität im Fluss verbessern. Das Erklärvideo zeigt, wie genau das erfolgen soll.

Fragen und Antworten zur Tidesteuerung

Was genau ist eigentlich die Tidesteuerung?

Bei der Tidesteuerung wird das Emssperrwerk dazu eingesetzt, den Ebbe- und den Flutstrom in der Ems wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Als Folge von Vertiefungen und Begradigungen ist der Flutstrom heute sehr viel schneller und kräftiger als der Ebbstrom. Das ist einer der Hauptgründe, warum der Fluss so verschlickt ist – und diese Belastung, die 100- bis 1000fach so stark ist, wie in Elbe und Weser, soll nun durch zeitlich begrenzte Schließungen des Sperrwerks stark verringert werden, um Leben im Fluss wieder möglich zu machen. Oder besser gesagt: Muss verringert werden. Das hat die EU unter Strafandrohung gefordert und Niedersachsen hat dafür den Masterplan Ems verhandelt und mit den Vertragspartnern beschlossen.

Und wie genau soll das funktionieren?

Laut aktuellen Planungen würden die Tore des Sperrwerks rund zwei Stunden vor Niedrigwasser geschlossen werden und bei Wassergleichstand vor und hinter den Toren in der Flutphase wieder geöffnet. Damit bleibt mehr Wasser in der Unterems als im heutigen Zustand. Das Wasser im Fluss beruhigt sich und der viele gelöste Schlick kann sich absetzen. Damit wird das Wasser klarer und die Zersetzung des Schlicks durch Bakterien verschlingt nicht mehr so viel Sauerstoff. Die Forschungsstelle Küste des NLWKN prognostiziert, dass in den ersten Jahren der feste Schlick noch mit den Baggerschiffen bei den regelmäßigen Baggerungen in der Unterems entfernt werden müsste.  Später ist das nicht mehr in diesem Umfang nötig, weil die Flüssigschlickbildung durch die Tidesteuerung erheblich reduziert wird. 

Und warum wird damit nicht gestartet?

Weil es für diese Nutzung des Sperrwerks wegen der vielen Auswirkungen eine rechtliche Genehmigung braucht. Das Verfahren läuft jetzt an, und jeder, der betroffen ist, kann seine Einwendungen einbringen – voraussichtlich wird diese Beteiligung frühestens Anfang 2027 erfolgen. Die Gespräche mit den betroffenen Nutzern, Verbänden und Kommunen werden unabhängig vom Planfeststellungsverfahren fortgesetzt. Ziel ist es, tragfähige und möglichst verträgliche Lösungen zu entwickeln. Die Planfeststellungsbehörde wird die vorgetragenen Belange und Einwendungen gegeneinander und untereinander abwägen und auf dieser Grundlage entscheiden Einfach so anfangen, lässt unser Rechtssystem nicht zu, und das ist auch gut so.

Und dann kommt die Flut und wühlt alles wieder auf. Und alles ist wie vorher …

Nein. Wenn die Flut so weit aufgelaufen ist, dass der Wasserspiegel vor und hinter dem Sperrwerk gleich hoch ist, werden zwar die Tore wieder geöffnet. Aber der Flutstrom läuft gegen das stehende Wasser. Er überwindet zwar letztlich den Widerstand und setzt sich durch, verliert dabei aber sowohl an Geschwindigkeit als auch an Kraft – und deswegen wühlt er den abgesetzten Schlick nicht wieder auf.

Also ist der Schlick heute das Problem?

Ja, eindeutig. Durch das schon so lange bestehende Ungleichgewicht von Ebbe und Flut bildet sich, vor allem im Sommer, über dem festen Schlickgrund des Flusses eine mehrere Meter dicke Schicht von Flüssigschlick, insbesondere im Abschnitt von Leerort bis über Papenburg hinaus in Richtung Herbrum. Damit verbunden gibt es auch sehr viel Schwebstoff im Wasser, der dem Betrachter besonders auffällt. Der Flüssigschlick an der Sohle verhält sich wie Ketchup, und wie wir alle wissen, kann sich dieser je nach Situation ganz unterschiedlich verhalten: dieser kann recht flüssig sein aber nach einer Ruhephase auch fest werden, so dass er sich dann vielerorts hartnäckig festsetzt. Dazu kommt: Bakterien zersetzen die organischen Anteile und verschlingen dabei den lebenswichtigen Sauerstoff. Und es fehlt Licht, weil das Wasser so trüb ist, so dass sich Kleinlebewesen nicht entwickeln oder halten können. Damit fehlt der Anfang der Nahrungskette für Fische. Beides zusammen macht Leben im Fluss schwer, zeitweise unmöglich. Das muss sich ändern. 

Klingt alles sehr theoretisch …

… wurde aber schon praktisch ausprobiert. Im Sommer 2020 gab es einen Naturversuch, und der bestätigte die Wirkung: Weniger Flüssigschlick, klareres Wasser, mehr Sauerstoff und die Fließgeschwindigkeit der Flut sank. Auch das Salz kam nicht mehr so weit in die Unterems hinein. 

Ok, aber es gibt auch Probleme…

Ja, das ist so. Wenn man in einen Fluss eingreift, selbst mit den besten Absichten, verändert man den Zustand. Und das bedeutet, dass es für einige der Abläufe, die mit dem heutigen Flusszustand funktionieren, Veränderungen gibt.

Welche sind das?

Zunächst der Hafen Emden. Dort sank beim Versuch das Wasser nach dem Schließen der Sperrwerkstore binnen zehn Minuten um 40 Zentimeter – schneller und tiefer als erwartet. Die Autotransporter im Außenhafen sackten davon ab, die Laderampen drohten Schaden zu nehmen, und die Beladung musste zeitweise ausgesetzt werden.

Und was hat man gemacht? 

Die Tidesteuerung wurde während des Versuchs ausgesetzt, wenn Autotransporter am Kai zur Ladung lagen. 

Und das soll auch künftig so sein?

Nein, denn wenn man die Steuerung so oft aussetzen würde, wäre die Wirkung einzelner Sperrungen schnell wieder dahin. 

Und was jetzt?

Der Emder Hafen wird umgebaut. Zurzeit wird ein an die Tidesteuerung angepasster Großschiffsliegeplatz gebaut, weitere Baumaßnahmen an den Stromkajen folgen, die Planungen und Absprachen dazu laufen. Damit können künftig auch während der Sperrungen drei Transporter sicher geladen werden. 

Und was ist mit der Emsschifffahrt allgemein? Die Tore sind, wie man hört, während der Steuerung dreieinhalb bis vier Stunden geschlossen.

Das ist richtig. Es gab aber vor der Entscheidung der Vertragspartner für die Tideniedrigwasseranhebung eine tief gehende Beteiligung der Schifffahrttreibenden und der maritimen Industrie sowie Verkehrsgutachten. Mit einer Sperrung während des Ebbstroms kann die Schifffahrt umgehen, weil sie hauptsächlich den Flutstrom nutzt. Belange der Sicherheit und Leichtigkeit des Schiffsverkehrs werden über die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung in die Planungen eingebracht. Zudem werden die Planerinnen und Planer Einzelfragen mit Betroffenen unabhängig vom Verfahren lösungsorientiert erörtern. 

Und dann werden 100 Prozent aller Tiden gesteuert? Man hört, dass das im Planfeststellungsverfahren beantragt wird …

Das ist so nicht ganz richtig. Beantragt wird nicht die Steuerung jeder Tide. Vielmehr soll die Genehmigung genügend Flexibilität enthalten, einzelne Tiden auszunehmen. Vereinfacht wird dies als „100 minus x“ bezeichnet. Das machen wir, damit wir nicht schon im Verfahren genau angeben müssen, welche Tiden gesteuert werden, und welche nicht. Das nämlich wäre die juristische Alternative zu 100 minus x, und dann wäre die Flexibilität nicht mehr gegeben. 

Das heißt doch, dass sich niemand darauf einstellen kann, wann gesperrt wird und wann nicht …

Doch, es gibt schon Grundregeln für die Auswahl der Tiden, die gesteuert werden sollen. Gesperrt werden soll wochentags jede zweite Tide – möglichst die für die Schifffahrt ungünstigere, also eher nachts. Am Wochenende jede Tide. Und acht Tiden nach Voll- und Neumond, in der sogenannten Springphase. Die Tiden, die gesteuert werden sollen, lassen sich so frühzeitig bekannt geben.

Und ganz wichtig: Wenn aus dem Binnenland viel Wasser kommt – damit ist eine Menge von 150 Kubikmetern pro Sekunde in der Ems und mehr gemeint – reinigen sich die Ems und große Teile des Leda-Jümme-Gebietes selbst und es muss nicht gesteuert werden. 

Kann man diese Menge irgendwie einordnen?

Ja, zum Vergleich: im Sommer kann die Abflussmenge bei rund 25 Kubikmetern pro Sekunde liegen. Mehr als 80 Kubikmeter als Mittelwert wurden im Sommer noch nie gemessen. Im Winter liegt die Abflussmenge oft über dem oben genannten Wert, es gibt aber auch relativ trockene Winter, in denen dieser Wert unterschritten wird. Der niedrigste Mittelwert eines Winters lag bei rund 60 Kubikmeter pro Sekunde. Damit müsste auch im Winter zumindest zeitweise gesteuert werden. Als „seltenes Ereignis“ gilt die Messung von 620 Kubikmetern pro Sekunde im Überschwemmungswinter 23/24.

Wie beeinflusst denn die Tidesteuerung die Entwässerung?

Durch die Tidesteuerung wird der Wasserspiegel bei Niedrigwasser in der Unterems rund einen bis 1,20 Meter höher stehenbleiben als heute. Im Leda-Jümme-Gebiet nimmt der Einfluss mit der Entfernung zur Ledamündung ab und ist in weiter entfernten Gebieten nicht mehr spürbar. Das heißt, dass bei einzelnen Sielen das Wasser zum Ende der Ebbe nicht mehr frei abläuft, sondern gepumpt werden muss. Dieses triff aber nur auf die Tiden zu, die durch das Emssperrwerk gesteuert werden. Da dieses aber nicht alle sind, wird es auch zukünftig Tiden geben, in denen das Siel wie gewohnt eingesetzt werden kann. Die Tideniedrigwasseranhebung kann bei zu nassen Verhältnissen pausieren, so dass der freien Entwässerung nichts im Wege steht.  Das ist der Vorteil der Flexibilität! Die Entwässerung ist weiter sichergestellt. Um den entstehenden Mehraufwand im Vergleich zum Zustand ohne Tidesteuerung zu erfassen, montiert der NLWKN schon heute Messtechnik zur Erfassung von Pump- und Sielzeiten. 

Und wer legt fest, wann mit der Steuerung ausgesetzt wird, weil dringend Wasser aus dem Binnenland in die Ems abgeführt werden muss?

Das erfolgt in Absprache zwischen den Entwässerungsverbänden, dem NLWKN und der WSV. Die genauen Kommunikationswege und –abläufe werden im Planfeststellungsverfahren rechtlich bindend festgelegt. Ideen dafür wurden bereits entwickelt. Klar ist: Hochwasserschutz schlägt alle anderen Ziele und geht in jedem Fall vor. Das steht so auch im Planfeststellungsantrag. 

Gibt es weitere Aussetzungsgründe?

Ja, bei Sturmfluten und besonderen Belangen der Schifffahrt wird nicht gesteuert, ebenso, wenn im Emder Hafen mal vier große Schiffe gleichzeitig geladen werden. Und natürlich bei Wartungsarbeiten am Sperrwerk sowie bei Schiffsüberführungen der Meyer Werft. Weitere Aussetzungsgründe werden ggf. im Planfeststellungsverfahren festgelegt. 

 

Überführungen sind auch weiterhin möglich?

Ja, der Masterplan-Vertrag sieht das ausdrücklich vor, weil die Werft ein wesentlicher industrieller und wirtschaftlicher Kern der Region ist. Die Werft hat ja auch schon Optionen und Verträge über Neubauten über den Start der Tidesteuerung hinaus. Die bestehenden Übergangsregelungen für die Überführungen gelten bis 2029 und sollen in einem demnächst beginnenden Verfahren verlängert werden. 

Man hört zurzeit viel von Befürchtungen, dass Hafeneinfahrten und Außenmuhden (die außendeichs von Sielen und Schöpfwerken gelegenen Verbindungsgewässer zur Ems) durch die Tidesteuerung stärker verschlicken könnten. Was ist da dran? 

Das hängt von der Lage oberhalb oder unterhalb des Sperrwerks ab. Oberstrom rechnen wir mit deutlich weniger Sedimentbelastung, unterhalb des Sperrwerks lässt sich das noch nicht genau prognostizieren. Am Anfang könnte dort mehr Belastung auftreten, aber mit zunehmender Wirkung sinkt der Sedimenttransport deutlich. Vorgesehen ist, die Auswirkungen durch ein Monitoring (oder Monitoring-System) engmaschig zu begleiten. Die konkreten Anforderungen werden Gegenstand des Genehmigungsverfahrens sein. Dazu gehört ggf. auch eine Räumung der in der Frage angesprochenen Außenmuhden. 

Und wann soll es losgehen?

Voraussichtlich 2028. Das hängt vom Verlauf des Verfahrens ab – und von der Frage, ob gegen einen Planfeststellungsbeschluss geklagt wird. Es soll nach einem Winterhalbjahr begonnen werden, da dann die Unterems normalerweise vom Sedimenthaushalt in einem vergleichbar guten Zustand ist.