Neues Leben am Fluss

Neues Leben am Fluss

Ein Biotop aus Menschenhand

Ein Schwerpunkt der ökologischen Maßnahmen im Masterplan Ems 2050 ist, verlorengegangene Lebensräume am Fluss wiederherzustellen. Die Besonderheit dieser Biotope ist, dass sie von Ebbe und Flut beeinflusst werden, also zeitweise trockenfallen und dann wieder überflutet werden. Im besten Fall entwickeln sich Flachwasserzonen, Brack- und Süßwasserröhrichte, Sand- und Schlickwatten sowie Tideauwald.

Einer der Versuche, ein solches Biotop zu schaffen, soll im Bereich des ehemaligen Emsbogens bei Coldemüntje in der Gemeinde Westoverledingen verwirklicht werden. Bei dem Gebiet, das hinter dem Emsdeich liegt, handelt es sich um die Überreste einer ehemaligen Emsschleife, die bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgeschnitten wurde. Der damals entstandene Grotegaster Altarm verlandete, wurde mit Baggergut aus der Fahrwasserunterhaltung aufgefüllt und zu einem späteren Zeitpunkt durch den Bau der neuen Hauptdeichlinie vollständig von der Ems getrennt. Heute finden sich hier ein verlandender See und wenig artenreiche Biotope. 

Im Tidepolder werden beim Bau Prielstrukturen hergestellt, im höher gelegenen Gelände des Plangebiets ein Süßwasserteich angelegt. Da zu erwarten ist, dass im Sommer auf Grund höherer Sedimentfrachten an mehreren Tagen kein Wasser aus der Ems einfließen kann, wird über eine zusätzliche Bewässerung über das Coldemüntjer Sieltief nachgedacht. Neben dem Tidepolder, der Prielstrukturen ausbilden soll, soll in dem höher gelegenen Gelände des Plangebiets auch ein Süßwasserteich entstehen. Für den Einlass der Tide soll ein Bauwerk im Deich sorgen, über das die oberste Lamelle der Wassersäule um Hochwasser aus dem Wasserkörper in den Polder einströmen kann. So kann sichergestellt werden, dass nur das weniger stark mit Schwebstoffen belastete Oberflächenwasser der Ems in den Polder gelangt. Die Deichlinie bleibt dabei unangetastet. Zusätzlich soll ein Absetzbecken eine zu schnelle Verschlickung verhindern. Die Bauwerke werden so gestaltet, dass auch Fische hindurch wandern können. 

Der Lenkungskreis des Masterplans Ems hat auf der Grundlage der Ende des Jahres vorgelegten. Machbarkeitsstudie des NLWKN im Januar 2017 die Einleitung eines Zulassungsverfahrens beim Landkreis Leer zur Verwirklichung des Tidepolders Coldemüntje beschlossen. Darauf folgten im Rahmen der Planvorbereitung viele Diskussionen mit Anliegern und der Gemeinde Westoverledingen mit dem Ziel, die Belastung durch Transporte des beim Bau anfallenden Bodenmaterials zu mindern. Die Ursprungsplanung, die gesamte Menge von 340.000 Kubikmetern als Baumaterial für Deiche und ähnliches per Lastwagen abtransportieren zu lassen, wurde vor diesem Hintergrund nicht weiter verfolgt.

Nun ist der Bodenverbleib wie folgt geplant - vorbehaltlich der Genehmigung im Planfeststellungsverfahren:

40 Prozent des Aushubs bleiben im Polder.  Diese Menge dient der Gestaltung des Geländes, um das Naturerleben zu fördern (Aussichtspunkte, Rundwanderweg). Der erste Naturschutzpolder des Masterplans Ems wird so für Menschen viel besser erlebbar als noch in den ersten Planungen und kann somit in die touristische Infrastruktur der Gemeinde eingebunden werden. 

25 Prozent der Menge werden direkt in eine Deichbaustelle gefahren. Die Deichberme zwischen Coldemüntje und Völlen wird damit erhöht. Die Deichbaumaßnahme erfolgt parallel zum Bau des Tidepolders. Der NLWKN plant und steuert beide Maßnahmen. Die Transporte erfolgen über den außendeichs liegenden Deichverteidigungsweg.

Rund 35 Prozent - also 115.000 Kubikmeter - werden in ein direkt an der Baustelle gelegenes Zwischenlager gefahren. Dort soll der Klei zwei Jahre reifen und dann nach Bedarf für Deichbaumaßnahmen in das Leda-Jümme-Gebiet gefahren werden. Umfang und Zeiten der Transporte werden im Planfeststellungsverfahren festgelegt.  Die 115.000 Kubikmeter sollten zuvor zur Bodenverbesserung auf landwirtschaftliche Flächen aufgebracht werden. Dieser Plan ließ sich nicht realisieren, weil sich durch die Kombination des Aushubs mit dem Boden auf den dafür vorgesehenen Flächen keine Bodenverbesserung ergeben hätte.

Zudem wurden in der Planvorbereitung mehrere Alternativen überprüft. Hier die Ergebnisse:

Schiffstransport: Der Transport mit dem Schiff scheitert daran, dass es für einen Anleger an der Baustelle aus Gründen der Sicherheit für den Schiffsverkehr keine schifffahrtspolizeiliche Genehmigung durch die Bundeswasserstraßenverwaltung geben wird. Die Baustelle befinde sich an einer Emskurve, die Fahrrinne sei zu schmal, als dass ein Anleger dort sicher zu betreiben wäre.

Bahntransport: Recherchen des NLWKN bei der Bahn haben zudem ergeben, dass es dort keine Erfahrungen mit dem Transport von Kleiboden gebe und auch keine dafür geeigneten Waggons. Der schwere Boden könne mit dem vorhandenen Waggon-Park nicht gekippt werden und müsste bei der Entladung aufwendig aus den Güterwagen ausgehoben werden. Zudem würden Transportwege auf der Schiene sich erst nach mehreren 100 Kilometern rentieren.

Spülen: Um das Bodenmaterial bis zur Spülfähigkeit zu verflüssigen, müsste es mit der zehnfachen Menge Wasser verdünnt werden. Eine Modellierung des Geländes – unabdingbar für die Gestaltung als Biotop – sei mit einem Spülbagger nicht möglich. Beim Spülen würden die Bestandteile Sand, Mutterboden und Klei nicht getrennt werden können, was wirtschaftlich sinnvoll sei. Zudem stünden keine Spülfelder zur Verfügung.

 

 

 

 

 

Bildrechte: NLWKN

Aktueller Stand:

Auf der Grundlage der Machbarkeitsstudie hat der Lenkungskreis im Januar 2017 die Umsetzung der Maßnahme Coldemüntje empfohlen. Der NLWKN hat am 15. Mai 2018 die Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren bei der Genehmigungsbehörde Landkreis Leer zur Vollständigkeitsprüfung vorgelegt.  

Machbarkeitsstudie Coldemüntje

Das hier nun öffentlich verfügbare Dokument ist eine Machbarkeitsstudie. Es handelt sich nicht um Planungen, die realisiert werden, sondern um den Nachweis der grundsätzlichen technischen Machbarkeit und Wirksamkeit. Zurzeit werden Unterlagen für das Zulassungsverfahren erstellt, in deren Verlauf unter Beteiligung der Öffentlichkeit und aller Betroffenen in einem rechtsstaatlichen Verfahren eine genehmigungsfähige Detailplanung erarbeitet wird.