Neues Leben am Fluss

Neues Leben am Fluss

Ein Biotop aus Menschenhand

Ein Schwerpunkt der ökologischen Maßnahmen im Masterplan Ems 2050 ist es, verlorengegangene Lebensräume am Fluss wiederherzustellen. Die Besonderheit dieser Biotope ist, dass sie von Ebbe und Flut beeinflusst werden, also zeitweise trockenfallen und dann wieder überflutet werden. Im besten Fall entwickeln sich Flachwasserzonen, Brack- und Süßwasserröhrichte, Sand- und Schlickwatten sowie Tideauwald.

Ein solches Biotop soll im Bereich des ehemaligen Emsbogens bei Coldemüntje in der Gemeinde Westoverledingen verwirklicht werden. Ursprünglich war schon im Vertrag vereinbart worden, dass der Tidepolder 2020 fertiggestellt sein sollte. Dieses zeitliche Ziel wird nicht mehr zu erreichen sein. Der Grund dafür: Es sind umfangreichere Planungen als zunächst angenommen erforderlich. Insbesondere soll dem Wunsch der Gemeinde Westoverledingen, auf deren Gebiet der Tidepolder gebaut werden soll, so weit wie möglich Rechnung getragen werden, dass durch den Abtransport des Aushubs für den künftigen Polder keine zusätzlichen Lkw-Transporte entstehen. Die Belastung für die Anwohner soll so gering wie möglich gehalten werden. Gemeinsam mit der Region

Das Signal: Gerade wegen der großen Bedeutung des Masterplans Ems für Ökonomie und Ökologie ist das Einverständnis der Menschen in der Region entscheidend für die Akzeptanz und damit für die Umsetzung von Projekten. Das gilt besonders für den Tidepolder Coldemüntje. Denn er ist das erste Masterplan-Projekt zur Wiederherstellung von verloren gegangenen tidebeeinflussten Lebensräumen an der Unterems, also um das Bemühen, Arten- und Biotopvielfalt zu erhalten und zu fördern. Wie diese Planung umgesetzt wird, stellt Weichen für die Zukunft und steht deswegen besonders im Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Die Herstellung von Tidebiotopen - neben dem Hauptziel der Verbesserung der Wasserqualität – ist ein Kernpunkt des Masterplans, der ein EU-Vertragsverletzungsverfahren zu verhindern hat. Die Umsetzung wird aber nicht nur von der EU scharf beobachtet, sondern auch von den Menschen in der Region. Das Ziel für den Tidepolder Coldemüntje: Erst wenn eine Lösung gefunden ist, bei der die Gemeinde mitgehen kann, werden die Unterlagen für das nötige Planfeststellungsverfahren bei der Zulassungsbehörde, dem Landkreis Leer, eingereicht.

 

Die Frage des Aushubs

Für rund zwei Drittel des Aushubs wurden bereits verkehrsverträgliche Lösungen gefunden: Die Mengen bleiben als landschaftsgestaltendes Material am Polder oder werden für die Erhöhung der Deichberme in Westoverledingen genutzt. Gegenwärtig wird für das letzte Drittel eine Verbringung auf landwirtschaftliche Flächen in dessen Nähe überprüft. In Gesprächen mit der Gemeinde Westoverledingen und den Flächeneigentümern, die derzeit vom NLWKN und dem Niedersächsischen Umweltministerium geführt und von der Gemeinde unterstützt werden, geht es nun um Details dieser Lösung. . Es gibt noch kein abschließendes Ergebnis. Die ersten Überlegungen dazu, Aushub auf den Flächen unterzubringen, konnten nach einem sehr kritischen Gutachten der Landwirtschaftskammer Niedersachsen nicht realisiert werden. . Erneute Gespräche zwischen der Landwirtschaftskammer, der unteren Bodenschutzbehörde des Landkreises Leer, dem NLWKN und dem Umweltministerium ergaben aber, dass eine landwirtschaftliche Verwertung grundsätzlich möglich ist. Das heißt, nun können die Einzelfälle bewertet werden. Für verbleibende Restmengen besteht als Alternative eine langfristige Lagerung des fraglichen Aushubdrittels in einem Zwischenlager am Polder und eine mögliche spätere Verwendung für Deichbaumaßnahmen in der Gemeinde Westoverledingen. Der Lenkungskreis des Masterplans Ems 2050 hat am 7. März 2019 den Sachstand zur Kenntnis genommen und den daraus resultierenden Verzögerungen zugestimmt – auch der Prämisse, dass es erforderlich ist, die Umsetzung der Maßnahme für die Gemeinde verträglich zu gestalten. Dem sei in angemessener Weise Rechnung zu tragen.

 

Der Plan im Detail

Bei dem Gebiet, das hinter dem Emsdeich liegt, handelt es sich um die Überreste einer ehemaligen Emsschleife, die bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgeschnitten wurde. Der damals entstandene Grotegaster Altarm verlandete, wurde mit Baggergut aus der Fahrwasserunterhaltung aufgefüllt und zu einem späteren Zeitpunkt durch den Bau der neuen Hauptdeichlinie vollständig von der Ems getrennt. Heute finden sich hier ein verlandender See und wenig artenreiche Biotope.

Im Tidepolder werden beim Bau Prielstrukturen hergestellt, im höher gelegenen Gelände des Plangebiets ein Süßwasserteich angelegt. Da zu erwarten ist, dass im Sommer auf Grund höherer Sedimentfrachten an mehreren Tagen kein Wasser aus der Ems einfließen kann, wird über eine zusätzliche Bewässerung über das Coldemüntjer Sieltief nachgedacht. Neben dem Tidepolder, der Prielstrukturen ausbilden soll, soll in dem höher gelegenen Gelände des Plangebiets auch ein Süßwasserteich entstehen. Für den Einlass der Tide soll ein Bauwerk im Deich sorgen, über das die oberste Lamelle der Wassersäule um Hochwasser aus dem Wasserkörper in den Polder einströmen kann. So kann sichergestellt werden, dass nur Wasser mit geringeren Schwebstoffgehalten in den Polder gelangt. Die Deichlinie bleibt dabei unangetastet. Zusätzlich soll ein Absetzbecken eine zu schnelle Verschlickung verhindern. Die Bauwerke werden so gestaltet, dass auch Fische hindurch wandern können.


40 Prozent des Aushubs – erwartet werden 340.000 Kubikmeter – bleiben im Polder. Diese Menge dient der Gestaltung des Geländes, um das Naturerleben zu fördern (Aussichtspunkte, Rundwanderweg). Der erste Naturschutzpolder des Masterplans Ems wird so für Menschen viel besser erlebbar als noch in den ersten Planungen und kann somit in die touristische Infrastruktur der Gemeinde eingebunden werden.

25 Prozent der Menge werden direkt in eine Deichbaustelle gefahren. Die Deichberme zwischen Coldemüntje und Völlen wird damit erhöht. Die Deichbaumaßnahme erfolgt parallel zum Bau des Tidepolders. Der NLWKN plant und steuert beide Maßnahmen. Die Transporte erfolgen über den außendeichs liegenden Deichverteidigungsweg.

Für rund 35 Prozent - also 115.000 Kubikmeter – werden noch Alternativen geprüft. Dabei geht es um die Aufbringung auf landwirtschaftliche Flächen in der Umgebung des Polders zur Bodenverbesserung. Sollte dies nicht zu realisieren sein, wird der Klei in ein direkt an der Baustelle gelegenes Zwischenlager gefahren.

Zudem wurden in der Planvorbereitung mehrere Alternativen überprüft. Hier die Ergebnisse:

Schiffstransport: Der Transport mit dem Schiff scheitert daran, dass es für einen Anleger an der Baustelle aus Gründen der Sicherheit für den Schiffsverkehr keine schifffahrtspolizeiliche Genehmigung durch die Bundeswasserstraßenverwaltung geben wird. Die Baustelle befinde sich an einer Emskurve, die Fahrrinne sei zu schmal, als dass ein Anleger dort sicher zu betreiben wäre.

Bahntransport: Recherchen des NLWKN bei der Bahn haben zudem ergeben, dass es dort keine Erfahrungen mit dem Transport von Kleiboden gebe und auch keine dafür geeigneten Waggons. Der schwere Boden könne mit dem vorhandenen Waggon-Park nicht gekippt werden und müsste bei der Entladung aufwendig aus den Güterwagen ausgehoben werden. Zudem würden Transportwege auf der Schiene sich erst nach mehreren 100 Kilometern rentieren.

Spülen: Um das Bodenmaterial bis zur Spülfähigkeit zu verflüssigen, müsste es mit der zehnfachen Menge Wasser verdünnt werden. Eine Modellierung des Geländes – unabdingbar für die Gestaltung als Biotop – sei mit einem Spülbagger nicht möglich. Beim Spülen würden die Bestandteile Sand, Mutterboden und Klei nicht getrennt werden können, was wirtschaftlich sinnvoll sei. Zudem stünden keine Spülfelder zur Verfügung.

 

Bildrechte: NLWKN