Nachwuchs und blühendes Gras

Nachwuchs und blühendes Gras

Was sich im Vogelschutzgebiet Leher Wiesen tut

 

Dörpen. Karl-Heinz Augustin lenkt sein Auto langsam und vorsichtig über den Fahrweg in den Leher Wiesen, doch einem Brachvogelpaar mit Nachwuchs ist der „Eindringling“ dennoch nicht geheuer. In weiten Bögen und mit lauten Rufen wird das Fahrzeug angeflogen, um das große Etwas von den Jungen abzulenken. Die werden von den Eltern gerade durch die Wiesen geführt, um den Boden nach Nahrung zu durchstochern.

 

Vier Junge entdecken Karl-Heinz Augustin und Anton Schulze, beide Ehrenamtliche des NABU, durch ihre Ferngläser im Gras. „Ein Super-Ergebnis“ sagt Augustin. Doch er sieht auch etwas, was ihm weniger gefällt: Die Uferschnepfen, die mit den Brachvögeln auf den Wiesen unterwegs sind, reagieren gar nicht auf die Anwesenheit der Vogelschützer. Das bedeutet: Sie haben wohl derzeit keine Jungen, die sie verteidigen müssten. „Schade“, findet Augustin. Uferschnepfen gehören wie der Große Brachvogel zu den Wiesenbrütern, deren Zahl seit Jahren rapide sinkt. Die Leher Wiesen, seit langem Vogelschutzgebiet, seit 2018 in der Regie des Masterplans Ems, haben die fünf derzeit dort lebenden Uferschnepfen zwar angelockt, aber ein Bruterfolg lässt sich zumindest bei dieser Kartierungsfahrt nicht erkennen.  

 

Seit der Übernahme der Leher Wiesen vom Bund im Zuge der Umsetzung des Masterplans Ems 2050 hat das Land Niedersachsen, namentlich der Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und die Staatliche Moorverwaltung beim Amt für regionale Landesentwicklung Weser-Ems, das Areal behutsam weiterentwickelt. Buschwerk wurde entfernt, um Raubvögeln Standorte für die Jagd auf Wiesenvögel zu nehmen, und das Wassermanagement wurde verändert, um die Böden feucht zu halten. Nur dann können die Tiere nach Nahrung stochern.

 

Der augenfälligste Unterschied zu „normalen“ Weiden ist aber das blühende Gras. In den Leher Wiesen wird, wie bei allen Wiesenvogel-Schutzflächen erst gemäht, wenn die Vögel mit dem Brutgeschäft durch sind. Das Ergebnis: Braune und beige Ähren, manche schimmern auch rötlich, und erstaunlich viele unterschiedliche Wuchshöhen bilden im späten Mai ein gräsernes Relief auf den Wiesen. „Vielfalt ist wichtig“, sagt Augustin. Auf eher flach bewachsenen Flächen können die Elterntiere die Jungen „führen“, höherer Bewuchs bietet Deckung.

 

Ideal für den Großen Brachvogel und auch für die Uferschnepfe. Die Vertreter beider Arten, so berichten Augustin und Schulze, haben sich in den Leher Wiesen zusammengetan, um sich möglicher Feinde zu erwehren. „Das haben wir früher so nicht beobachtet“, ergänzt Augustin. Brachvögel seien sehr wehrhafte Tiere. Davon würde die Uferschnepfe profitieren. Immerhin sind derzeit keine Krähen im Gebiet zu sehen, die gerne Nester ausräubern. Ein noch im vorigen Jahr bewohntes Nest in einem der Bäume blieb in diesem Frühjahr leer.

 

Regelmäßig  fährt Augustin durchs Revier und kartiert die Vögel. An diesem Dienstag im Mai sind noch Kuckuck, Goldammer, Wiesenpieper, ein Kiebitz und viele Gänse zu sehen. Auch Schwarzkehlchen und Lachmöwen fliegen durchs Bild. Aber keine Bekassine, wie Augustin auf Nachfrage berichtet: „Die war schon seit den 90ern nicht mehr hier“. In der intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaft haben die Vögel es nicht leicht.

 

Aber das soll kein Plädoyer gegen jede Landwirtschaft sein. Augustin freut sich darauf, dass womöglich in Kürze Galloway-Rinder auf einigen Flächen unterwegs sein sollen. Die Leher Wiesen sind an Landwirte zur extensiven Bewirtschaftung verpachtet. „Rinder halten das Gras unterschiedlich kurz, sorgen so für Vielfalt. Ihr Dung ist ein Paradies für Insekten, von denen wiederum die Vögel leben.“ Ein Gewinn für alle, findet Augustin, der nach 40 Jahren im Vogelschutz eine dezidierte Meinung hat: „Ohne Landwirte geht es nicht. Verbesserungen können wir nur gemeinsam erreichen.“  

 

Apropos Insekten: Die weitgehend naturbelassenen Wiesen scheinen auch für die Kerbtiere ein angenehmes Plätzchen zu sein. Hier schwirrt die Luft von fliegenden Kleintieren. Die Vögel wird’s freuen.

Leher Wiesen

Im Norden des Landkreises Emsland hat das Land Niedersachsen 129 Hektar Land von der Bundesrepublik Deutschland geschenkt bekom­men: die Leher Wiesen. Die Flächen waren vor über 20 Jahren vom Bund angekauft worden. Sie dienen teilweise dazu, Beeinträchtigun­gen der Natur durch den Neubau der B 401 zu kompensieren. Die Flächen sind nun Teil des „Nationalen Naturerbes“ geworden, mit dem der Bund den Ländern oder anderen Trägern unentgeltlich Flächen für Zwecke des Natur­schutzes übergibt um sie weiter zu pflegen. Knapp 31 Hektar der Leher Wie­sen, auf denen noch keine Na­turschutzverpflichtungen liegen, werden dem im Masterplan Ems vereinbarten Kontingent für den Wiesenvogelschutz angerech­net. Die Bedingungen für die Vögel werden dafür im gesamten Areal verbessert.

Einer der kleinsten Bodenbrüter: Der Wiesenpieper.
Der Große Brachvogel – erkennbar an seinem charakteristisch gekrümmten Schnabel.
Den Vögeln auf der Spur: Karl-Heinz Augustin (links) und Anton Schulze vom NABU.
Das schöne Federkleid des Brachvogels.