Wiesen für Vögel mit Bodenhaftung

Wiesen für Vögel mit Bodenhaftung

Im Norden die Bundesstraße 401, im Süden der Küstenkanal – und dazwischen ein Paradies für Wiesenvögel. So lautete die Zielrichtung, als die Leher Wiesen bei Dörpen im nördlichen Emsland vor über 20 Jahren nahezu vollständig in den Besitz des Bundes übergingen. Natur als Kompensation für den Straßen­bau. Im September 2018 hat der Bund Flächen und Verantwortung dem Land Niedersachsen übertragen. Und nun soll es für die Wiesenvögel noch besser werden: Einige Flächen, die bislang keine Naturschutzauflagen hatten, werden zusätzlich für die Bodenbrüter hergerichtet – im Rahmen des Masterplans Ems 2050. Dafür arbeiten viele Beteiligte eng zusammen.

Was Wiesenvögel wie Kiebitz, Brachvogel oder Uferschnepfe zum Brüten brauchen, ist bekannt: Kurzes Gras, um Bodennester zu bauen, feuch­ten Boden, um nach Nahrung zu stochern, und offenes Land ohne Sträucher und Bäume, denn die sind Deckung für Fressfeinde. Und, nicht zu vergessen, keine Bedrohung durch Mähmaschi­nen während der Brut. „Diese Bedingungen zu erreichen – das ist die Herausforderung“, sagt Karl-Heinz Augustin, der im Auftrag des NABU die Leher Wiesen seit über 30 Jahren betreut. „Und“, ergänzt er, „das geht nur zusammen mit den Landwirten.“ Sowie mit den Fachbehörden: Nach der Übernahme vom Bund ist der Nieder­sächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) gemeinsam mit der beim Amt für regionale Landesentwick­lung (ArL) angesiedelten Staatlichen Moorver­waltung für die Leher Wiesen verantwortlich und stehen mit allen Beteiligten im Dialog.

An einem sonnigen Tag trifft sich Augustin mit den Pächtern in den Leher Wiesen. Fünf Landwirte haben dort Flächen gepachtet: Gerd Zumsande und sein Sohn Matthias, Bernd Zum­sande. Bernd Moormann-Schmitz und Johannes Krull. „Wir arbeiten hier gut zusammen“, sagen alle fünf – und sie hoffen, dass die Übergabe der Flächen vom Bund an das Land für sie mehr Si­cherheit schafft, denn wegen der bevorstehenden Schenkung hatte der Bund nur noch kurzfristige Pachtverträge geschlossen.

Wenn sich die Hoffnungen erfüllen, dann könn­ten auch wieder Rinder auf die Flächen kommen, berichtet Gerd Zumsande, der Galloways auf die Weide bringen will. Er hatte es schon einmal versucht, „doch damals waren die Flächen zu feucht.“ Er hofft auf mehr Flexibilität. Augustin auch, denn: „Rinder auf den Flächen sind gut für die Vögel, weil sie die Grasnarbe kurz halten und die Kuhfladen Insekten anziehen – Vogelnah­rung.“

„Wir müssen die Belange der Landwirte und der Wiesenbrüter in Einklang bringen“, sagt auch Hermann Wreesmann. Er arbeitet im Geschäfts­bereich Naturschutz des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Oldenburg und betreut die Flächen im Auftrag der Landesnaturschutz­verwaltung. „Ohne eine abgestimmte Bewirtschaf­tung geht es nicht“, stellt Wreesmann fest. Ein Beispiel: Die Wiesen müssen nach der Brut- und Aufzuchtzeit der Wiesenvögel gemäht werden und kurzrasig in den Winter gehen. Nur so wer­den sie im nächsten Frühjahr wieder als Brutge­biet angenommen. Die Termine dafür müssen mit Augenmaß festgelegt werden. Vor Ende der Brutzeit gefährdet die Mahd die Jungvögel, doch je länger das Gras wächst, desto wertloser wird es für die Landwirte, die es als Viehfutter nutzen „Der Nährwert sinkt, wenn die Gräser zu lange stehen“, betont Landwirt Johannes Krull.

Augustin plädiert daher für flexible Mahdter­mine, denn die kämen auch den Wiesenvögeln zugute. „Wir brauchen Vielfalt im Gebiet“, weiß er. Gemähte Flächen neben nicht gemähten, feuchte und trockene Flächen nebeneinander: „Das mögen die Tiere.“ Flexibel – aber wie? „Ich kontrolliere die Flächen, und wenn in einem der nummerierten Bereiche keine Brutvögel mehr sind, dann gebe ich sie frei zum Mähen.“ Zur Sicherheit kontrolliere der Jäger mit seinem Hund nochmal, dann könne der betroffene Landwirt das Gras mähen.

Für die Pachtverträge, in denen die Mahdter­mine neben anderen Bewirtschaftungsauflagen festgeschrieben werden, ist die Staatliche Moor­verwaltung zuständig, die zum Amt für Regionale Landesentwicklung Weser-Ems gehört. Dezer­natsleiter Dr. Eberhard Masch kennt die Wünsche nach Flexibilität, aber: Die Auflagen der neuen Pachtverträge stellten eine Summe aus den Vor­gaben des NLWKN, der Verordnung über das Landschaftsschutzgebiet „Natura 2000-Emsauen von Salzbergen bis Papenburg“ “, dem alten Planfeststellungsbeschluss für die B 401 und An­regungen des NABU dar, „gemeinsam mit Herrn Augustin sind wir in der Lage, die Einhaltung der Auflagen zu überwachen und vor allem flexibel zu gestalten.“

Die Moorverwaltung habe aber auch eine zweite Rolle, so Masch: „Wir gestalten das Gelände wie­senvogelfreundlich.“ In Absprache mit dem Bund und dem NLWKN haben die Mitarbeiter der Außenstelle Barenberg bereits im vergangenen Winter Buschwerk und Bäume aus der Fläche entfernt. Masch dazu: „Im genetischen Pro­gramm der Wiesenvögel sind Bäume und Büsche mit Raubtieren verbunden – deswegen meiden sie deren Nähe.“ Zudem wurden von den Mitarbei­tern regelbare Abläufe in Gräben eingebaut, mit denen der Wasserstand im Frühjahr den Bedürf­nissen der Wiesenvögel und im Sommer den Bedürfnissen der Landwirte angepasst werden kann.

Ein derzeit in Arbeit befindliches Gutachten, so Hermann Wreesmann, soll weitere mögliche Ver­besserungen im Gebiet auflisten: „Das wird ein fachliches Konzept, welches dann gemeinsam mit allen Akteuren vor Ort umgesetzt wird.“

Die bereits erfolgten und die kommenden Ver­änderungen haben auch die Umweltverbände im Masterplan Ems 2050 überzeugt: „Durch das vorliegende Bewirtschaftungskonzept und die nach der Übernahme durch das Land verbesser­ten Möglichkeiten zur Wasserregulierung in dem Gebiet hoffen wir, dass eine positive Entwicklung des Wiesenvogelbestandes in den Leher Wiesen erreicht werden kann“, begründet Elke Meier vom NABU Niedersachsen die Zustimmung der Umweltverbände zur teilweisen Anrechnung auf die im Masterplan vereinbarte Schaffung von Wiesenvogelflächen.

Arbeiten zusammen in den Leher Wiesen: Die Landwirte (von links) Matthias Zusande, Johannes Krull, Bernd Moormann-Schmitz, Gerd Zumsande sowie Karl-Heinz Augustin (NABU) und Jonas Zedlei (NABU-Jogendgruppe)

Die Leher Wiesen

Im Norden des Landkreises Emsland hat das Land Niedersachsen 129 Hektar Land von der Bundesrepublik Deutschland geschenkt bekom­men: die Leher Wiesen. Die Flächen waren vor über 20 Jahren vom Bund angekauft worden. Sie dienen teilweise dazu, Beeinträchtigun­gen der Natur durch den Neubau der B 401 zu kompensieren. Die Flächen sind nun Teil des „Nationalen Naturerbes“ geworden, mit dem der Bund den Ländern oder anderen Trägern unentgeltlich Flächen für Zwecke des Natur­schutzes übergibt um sie weiter zu pflegen. Knapp 31 Hektar der Leher Wie­sen, auf denen noch keine Na­turschutzverpflichtungen liegen, werden dem im Masterplan Ems vereinbarten Kontingent für den Wiesenvogelschutz angerech­net. Die Bedingungen für die Vögel werden dafür im gesamten Areal verbessert.

Im Masterplan Ems hat sich das Land Niedersachsen verpflichtet, 200 Hektar für den Wiesen­vogelschutz anzukaufen – bis zum Jahr 2050. Die erste Tranche – bis 2025 – beträgt 78 Hektar. Mit dem bereits erfolgten Ankauf von Flächen im nördlichen Emsland sowie am Großen Meer (Landkreis Aurich) und dem anrechenbaren Anteil der Leher Wiesen wurde das Ziel für 2025 nun bereits erreicht. Die Flächen für den Wiesenvogelschutz sollen mögliche Verschlechterungen für die Boden­brüter kompensieren, die durch die Schaffung von ästuartypischen Lebensräumen an der Ems entstehen können.

Kiebitz - Foto: Oliver Lange (NLWKN)
Wurden schon in den 90er-Jahren angelegt: Blänken (kleine Weiher), die ständig Wasser führen.
Uferschnepfe - Foto: Oliver Lange (NLWKN)
Brachvogel - Foto: Oliver Lange (NLWKN)
Karl-Heinz Augustin