Auch Glasaale lassen sich locken

Masterplan Ems: Projekt zur Verbesserung der Durchgängigkeit an Sielen wird optimiert

Knock.  Das Teilprojekt des Masterplan-Ems „Durchgängigkeit von Sielen und Schöpfwerken“ trägt erste Früchte. Am Knockster Siel haben der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NWLKN) und der Erste Entwässerungsverband Emden Anfang März eine Steuerung mit „Fischsielungen“ in Betrieb genommen, um Wanderfischen den Weg von der Ems in die Gewässer des Binnenlandes zu vereinfachen. Seitdem wird das System unter Naturbedingungen optimiert. „Wir sind sicher, dass wir zum Ende der Fischwanderungen im Frühjahr eine Steuerung etabliert haben, die automatisch funktioniert und gute Ergebnisse bringt“, bilanziert Dr. Oliver-David Finch von der Betriebsstelle Aurich des NLWKN. Bei den Optimierungen ging es darum, die theoretisch erarbeitete Steuerung an die Naturbedingungen (Wind, Tide, Wasserstände) anzupassen – unter der Voraussetzung, „dass der Hochwasserschutz des Binnenlandes immer Priorität hat“, so Finch. Das hatte auch den Entwässerungsverband überzeugt: „Der Betrieb des Siel- und Schöpfwerkes Knock, der für den Binnenhochwasserschutz unerlässlich ist, stellt bei diesem Projekt keinen Widerspruch zum Naturschutz dar“, so Obersielrichter Reinhard Behrends: „Im Gegenteil: Entwässerung und Naturschutz rücken auf Augenhöhe, ohne den Binnenhochwasserschutz in irgendeiner Weise zu gefährden.“

Fische, die vom Meer ins Binnenland (und umgekehrt) wandern, stoßen heute an vielen Sielen und Schöpfwerken auf Barrieren, die ihre Reise bremsen oder sogar vollständig unterbinden. Um ihnen den Weg in das 35.000 Hektar große Einzugsgebiet des Knockster Siels bis hin zum „Großen Meer“ im Kreis Aurich zu zeigen und zu öffnen, wird mit der Steuerung an der Knock das Hubtor eines Siellaufs regelmäßig einen kleinen Spalt geöffnet, um einen für Fische wahrnehmbaren „Lockstrom“ aus Süßwasser zu erzeugen. Kurz vor der Wasserstandsgleiche zwischen Ems und Sieltief wird dann der Siellauf komplett geöffnet und die angelockten Fische können passieren. Anschließend werden unmittelbar nach Wasserstandsgleiche die Sieltore wieder verschlossen.

Finch und Kena Jürgens, die in Oldenburg Umweltwissenschaften studiert und die derzeit ein Praktikum beim NLWKN in Aurich absolviert, sowie Sandra Hagedorn als weitere Mitarbeiterin sind mit Senknetzen regelmäßig am Schöpfwerk an der Knock, um den Erfolg des Lockstroms zu messen. Im Netz finden sich Stichlinge, junge Plattfische, Stinte, Grundeln und – was die Fischexperten besonders freut – Glasaale, die von den Laichgründen der Aale in der Karibik durch Atlantik, Nordsee und Ems den Weg zur Knock gefunden haben. Der Dreistachlige Stichling, früher ein in Massen auftretender Fisch und heute auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten, steigt im Küstenbereich zum Laichen ins Süßwasser auf, die Glasaale werden im Süßwasser erwachsen und kehren am Ende ihres Lebenszyklus in die Karibik zurück, um dort zu laichen. „Wir hoffen“, sagt Finch, „dass die Maßnahmen zur Herstellung der Durchgängigkeit in der Emsregion den Aalbestand auf natürliche Weise fördern.“ Der Europäische Aal steht nach drastischen Bestandseinbrüchen in den letzten Jahrzehnten inzwischen ebenfalls auf der Roten Liste und seine Bestände werden von Angelvereinen in der Region durch kostenaufwändige Besatzmaßnahmen unterstützt.

Beim Fischmonitoring arbeitet der NWLKN eng mit dem LAVES (Dezernat für Binnenfischerei Hannover), niederländischen Kollegen von der Hochschule Leeuwarden und von der Watershap Hunze en Aa´s sowie vor allem mit Vertretern der örtlichen Angel- und Fischereivereine zusammen. „Ehrenamtliche beschaffen uns mit regelmäßigen Befischungen per Senknetz Daten zur Fischwanderung. Nur so können wir Erkenntnisse gewinnen, was entlang der Küste hinsichtlich der wandernden Fische passiert“, sagt Finch. Die wichtigen biologischen Daten werden durch die ehrenamtliche Unterstützung der Fischereivereine im Frühjahr 2017 nicht nur an den im Masterplan Ems festgeschriebenen Standorten Knock, Oldersum, Sauteler Siel und Pogum erhoben, sondern auch in Holtland/Jümme sowie in Harlesiel und am Jade-Wapelersiel. Mitwirkende Vereine sind der Bezirksfischereiverein Ostfriesland (BVO), der Fischereiverein Altes Amt Stickhausen und der Sportfischerverein Varel.

Auf der niederländischen Seite der Ems wird bereits seit mehreren Jahren die Wanderung der Fische
überwacht – zum Teil sogar deutlich aufwendiger, indem Fische z.B. mit Transpondern markiert werden, um ihre Wanderungen im Binnenland verfolgen zu können. In Ostfriesland sei das so derzeit nicht machbar, weil sich die Tiefs immer weiter verzweigen und die Fische sich weit verteilen: „Man kann leider nicht Tausende von Fischen mit Transpondern besendern.“  Sollte sich die Sielsteuerung als erfolgreiches Mittel erweisen, würde davon nach Finchs Erwartung nicht nur die Fischfauna profitieren, sondern z.B. auch verschiedene Wasservögel, „weil da Biomasse ins Gewässer kommt und als Nahrung dient.“

Anfang Juni endet auch die Hauptwanderzeit der meisten Fischarten. Der nächste Durchgang der Sielsteuerungen an der Knock wird im Herbst erfolgen. Dann wandern u.a. Neunaugen in der Ems stromauf.

Dr. Oliver-David Finch und Kena Jürgens beim Probefischen am Schöpfwerk
Ein Stichling
Ein Glasaal